Montag, 4. Februar 2013

Sterben verboten

Offener Brief von Giusi Nicolini, Bürgermeisterin von Lampedusa
 
04.01.2013
 
Jeden Tag laufen in meinem elektronischen Briefkasten dutzende E-Mails auf – die meisten befördere ich in den Papierkorb, andere lege ich zu den »Akten«. In den Tagen vor Weihnachten erreichte mich über viele Umwege ein Schreiben mit der Überschrift: »Lampedusa: sterben verboten«. Es handelt sich um einen Offenen Brief, den Giusi Nicolini, die junge Bürgermeisterin der Insel zwischen Sizilien und Libyen, geschrieben hat. Er war an niemand Besonderes adressiert, sondern wie eine Art Flaschenpost ins große Meer des Internets geworfen worden. Als ich ihn gelesen hatte, war mir klar, dass dieser Hilferuf doch einen Adressaten hatte: uns Europäer!

Der Brief beginnt folgendermaßen: »Ich bin die neue Bürgermeisterin von Lampedusa. Ich wurde im Mai 2012 gewählt, und bis zum 3. November wurden mir bereits 21 Leichen von Menschen übergeben, die ertrunken sind, weil sie versuchten, Lampedusa zu erreichen. Das ist für mich unerträglich und für unsere Insel ein großer Schmerz. Wir mussten andere Bürgermeister der Provinz um Hilfe bitten, um die letzten elf Leichen würdevoll zu bestatten. Wir hatten keine Gräber mehr zur Verfügung. Wir werden neue schaffen, aber jetzt frage ich: Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden?«

Lampedusa ist so etwas wie der letzte Vorposten Europas im Mittelmeer vor der afrikanischen Küste. Hier landen – wenn sie Glück haben – Kähne und Boote mit Flüchtlingen und Migranten aus Afrika. Wie groß die Zahl der Kinder, Frauen und Männer ist, die das rettende Ufer nicht erreichen, lässt sich nur erahnen, in den vergangenen Jahren mögen es Tausende, vielleicht Zehntausende gewesen sein. Zur Nachricht wird nur, wenn die Anzahl der Flüchtlinge oder der Toten über das »normale« Maß hinausgeht oder wenn die Auffangstation der Insel aus allen Nähten platzt und sich Migranten oder Einheimische gegen die unerträglichen Zustände auflehnen.

Giusi Nicolini schreibt in ihrem verzweifelten Hilferuf weiter: »Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.« Ein Schweigen, so meint die Bürgermeisterin, das nicht von Ungefähr komme: »Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die europäische Einwanderungspolitik diese Menschenopfer in Kauf nimmt, um die Migrationsflüsse einzudämmen. Vielleicht betrachtet sie sie sogar als Abschreckung. Aber wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen den letzten Funken Hoffnung bedeutet, dann meine ich, dass ihr Tod für Europa eine Schande ist.«

Ganz Europa, so schreibt die junge Politikerin, sei Teil eines »unendlich traurigen Kapitels der Geschichte«, aber allein Lampedusa und seinen 6000 Einwohnern werde die Aufgabe überlassen, sich um diese Menschen zu kümmern. Europa hat bisher geschwiegen. Allein der neue fortschrittliche Ministerpräsident von Sizilien, Renato Crocetta, hat der jungen Frau stellvertretend für alle Lampedusaner die höchste Ehrenmedaille der Region verliehen, für »Verdienste um die Menschenrechte«.

Alle sollten wissen, so heißt es in der »Flaschenpost« weiter, dass Lampedusa mit seinen Einwohnern, der Wasserschutzpolizei und den Hilfskräften versuche, diesen Menschen wenigstens im Tod ihre Würde zurückzugeben. Man tue dies auch im Namen Europas. »Wenn Europa aber so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei es unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist.« Gezeichnet: Giusi Nicolini.

Die Autorin ist Journalistin und lebt seit vielen Jahren in Rom. Sie berichtet regelmäßig für »nd« über die politischen Entwicklungen in Italien.

Sonntag, 3. Februar 2013

Passagers du désert

passagers du désert-Partage YouTube from La Cimade on Vimeo.

Camp Choucha (Tunesien)



Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte:
Freizügigkeit und Auwanderungsfreiheit

"(1) Jeder Mensch hat das Recht auf Freizügigkeit und freie Wahl seines Wohnsitzes innerhalb eines Staates.
(2) Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen sowie in sein Land zurückzukehren.