Donnerstag, 25. Oktober 2012

Skurriles Schauspiel

Der Nationalfeiertag wird für eine Militärschau genutzt, nicht zur Sachdiskussion
"Wenn der Vorhang des Staates aufgeht, sehen wir an jedem österreichischen Tag (und also auch am Nationalfeiertag) ein Lustspiel für Marionetten." So beschrieb Thomas Bernhard seine Gedanken "Zum österreichischen Nationalfeiertag 1977". Viel hat sich nicht geändert, wenn man das alljährliche Spektakel auf dem Heldenplatz betrachtet. Da rollen in den Tagen davor bereits Panzer über den Ring und sorgen nicht nur bei Touristen für irritierte Blicke. Kinder dürfen dann auf ihnen herumklettern und werden von Soldaten in Uniform instruiert. Und das offizielle Österreich marschiert zum Kranzniederlegen auf.
Man muss nicht unbedingt einen Blick von außen wie Derek Scully haben, der die Form des offiziellen Gedenkens aus Anlass des Nationalfeiertags in der Irish Times höchst "irritierend" fand. Seine Einschätzung: Eine solche militärische Leistungs- und Gedenkschau wäre in Irland undenkbar und sei angesichts der zur Schau getragenen Neutralität widersprüchlich.
Das trifft erst recht auf die Politik zu. Denn beide Regierungsparteien haben ihre Positionen innerhalb weniger Monate so verändert, dass sie sich auf dem jeweils anderen Standpunkt wiederfinden. Das gehört zu jenen österreichischen Skurrilitäten, die nicht nur ausländischen Beobachtern unverständlich sind. Das hat mit den Boulevardmedien und der Hörigkeit der Politik zu tun.
Das Spektakel am Heldenplatz in Blickweite des Burgtheaters könnte sich heuer sogar noch zu einer Tragödie entwickeln. Wenn der Chef des Generalstabs, Edmund Entacher, diese Freiluftbühne nutzt, um das zu verkünden, was er bei einem (vom Ministerium finanzierten) Empfang jüngst erklärt hat: Er werde mit Blick auf die Volksbefragung zur Wehrpflicht im Jänner nicht schon im November in Pension gehen. Damit stilisiert sich der glühende Wehrpflicht-Anhänger und Sozialdemokrat unter Beifall der ÖVP zum Widerstandskämpfer und verstärkt den Mitleidseffekt für seinen Minister Norbert Darabos (SPÖ), der nun mit Verve das Gegenteil dessen verkündet, was vor kurzem noch seine Überzeugung war.
Beide Koalitionsparteien werden die Gelegenheit des Nationalfeiertages nicht ungenutzt verstreichen lassen, ihre Standpunkte zu trommeln. Dabei wäre dies eine Chance, nicht zu agitieren, sondern zu informieren. Und sich berechtigte Fragen zu stellen: Wozu braucht man das Bundesheer? In dieser Form? Die Debatte wird von zwei Themen überlagert, die mit dem militärischen Zweck nichts direkt zu tun haben: Wer hilft im Katastrophenfall? Und was passiert im Sozialbereich, wenn es keine Zivildiener mehr gibt?
Daraus könnte sich eine positive Debatte entwickeln: über den Wert von freiwilligen Einsätzen, wie sie bei der Freiwilligen Feuerwehr oder beim Roten Kreuz geleistet werden. Dass für ein freiwilliges Soziales Jahr nicht einmal der Mindestlohn bezahlt werden soll, ist beschämend.
Die Frage, wozu ein - noch dazu neutrales - Land mitten in der EU mit gemeinsamer Außen- und Sicherheitspolitik und sogenannten Battlegroups noch das Bundesheer im derzeitigen Zustand oder militärisches Gerät wie Eurofighter braucht, wird nicht gestellt. Nicht gestellt wird auch die Frage nach dem Sinn von Kriegerdenkmälern. Denn was passiert an diesem Nationalfeiertag? "Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, was wir immer gesehen haben", schrieb Thomas Bernhard.
(Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 24.10.2012)

Dienstag, 16. Oktober 2012

Friedensnobelpreis für die EU?

Artikel von Stephan Hebel in der Frankfurter Rundschau, 15.10.2012

EU und Flüchtlinge: Gebt den Preis zurück

"... Es ginge darum, die Einreise der Serben und Mazedonier als das zu erkennen, was sie ist: Ein Zeichen, dass dieses Europa, will es sich den Friedensnobelpreis wenigstens nachträglich verdienen, nun endlich beginnen müsste, den Kampf für „Frieden, Demokratie, Versöhnung und Menschenrechte" neu aufzunehmen.
Das hieße heute, für die untragbaren Wohlstands-Unterschiede auf dem Kontinent einen fairen Ausgleich zu suchen - also das Gegenteil des Merkelschen National-Egoismus, der andere noch tiefer in die Krise treibt (und uns, wir merken es nur noch nicht, mit). Es hieße, die humanitären Werte mal im Mittelmeer auszuprobieren, wo das friedenspreis-gekrönte Europa Tausenden Flüchtlingen buchstäblich beim Ertrinken zusieht, weil es gegenüber den Opfern von Krieg und Hunger nichts anderes kennt als Abschottung und Fremdenangst. Es hieße, den Nachbaren auf dem eigenen Kontinent bei der Integration ihrer Minderheiten zu helfen - und dabei klarzumachen, dass Diskriminierung und Ausgrenzung eines künftigen Mitglieds nicht würdig sind.

Wäre EU-Europa zur Umkehr in der Lage - es nähme den Friedensnobelpreis sofort zum Anlass, die Politik von Abschottung und Ressentiment durch eine humanitäre Flüchtlingspolitik und einen glaubhaften Ansatz zur Armutsbekämpfung zu ersetzen. Wirklich „groß" wäre ein Europa, das sich verpflichtete, seine Politik in spätestens fünf Jahren den vom Nobelkomitee gepriesenen Werten auch wirklich anzupassen - und das die Annahme des Preises bis dahin verweigerte.
Eine Utopie? Ja. Und daran sieht man, wie schlecht es steht um die Friedensmacht Europa."

Freitag, 12. Oktober 2012

Malala Yousufzai


© AFP/GettyImages

"I don't mind if I have to sit on the floor at school. 
All I want is education. And I am afraid of no one." 
Malala Yousufzai

Sonntag, 7. Oktober 2012

Buchtipp

Noah Sow, Deutschland schwarz weiß. Der alltägliche Rassismus:


Auszug aus dem Buch:
"Schwarzafrikaner" ist kein diskriminierungsfreier Begriff, weil er nichts aussagt, außer dass die Person Schwarz ist. Interessanterweise wird das Wort oft für Menschen gebraucht, die gar keine Afrikaner sind. Dies ist bereits ein Indiz für den diskriminierenden Charakter des Begriffs, denn die Bedeutung eines Wortes wird ja durch dessen Gebrauch in der Sprache bestimmt. Das Wort bedeutet in Wirklichkeit also "wirklich schwarzer Schwarzer", enthält demnach eine Kategorisierung der "Rasse", impliziert auch, dass die Person besonders "dunkel" sei, und lädt zu vielfältigen Assoziationen ein. Einen Begriff, der eigentlich nichts aussagt, zu verwenden, funktioniert nur, wenn mit dem Begriff automatisch viele Vorstellungen verknüpft sind. Der Begriff "Schwarzafrikaner" sagt ja weder, aus welchem Land die Person kommt, noch, wo sie wohnt, noch wie sie aussieht, noch, was sie tut oder wer sie ist, welcher Kultur sie angehört oder welche Sprache sie spricht.
Würden Sie sagen, es genügt, wenn Sie eine Person, die Sie beschreiben wollen, als "Weißeuropäer" bezeichnen? Finden Sie, dass Sie und Franz Josef Strauß, Heino und Mutter Beimer gemeinsam als Gruppe zusammengefasst werden können, weil Sie alle "Weißeuropäer" sind? Oder verlangen Sie nicht vielmehr, dass, wenn man Sie beschreibt, dabei Ihr Aussehen, Alter und Beruf, vielleicht auch Ihre Herkunft eine Rolle spielen?
Und wieso kommt es Ihnen dann nicht komisch vor, wenn all dies bezüglich Schwarzer Menschen anders gehandhabt wird und "Schwarzafrikaner" eine Personenbeschreibung darstellen soll?
Weil Sie es so gewöhnt sind.
Die offizielle Bedeutung von "Schwarzafrikaner" ist: "Menschen von südlich der Sahara". Wieso nur um alles in der Welt will man all diese Menschen in einen Topf werfen und glaubt, dass das überhaupt möglich ist?
Die traurige Wahrheit: Weil die Tatsache, dass diese Leute Schwarze und Afrianer und "richtig schwarze Afrikaner" sind, den weißen Deutschen schon genügt, um sich ein Bild von ihnen zu machen. Das Wort "Schwarzafrikaner" ist nämlich lediglich eine neuere Version des Begriffs "Neger", der inzwischen allseits - weil offiziell beleidigend - als politisch unkorrekt verstanden wird... (Sow, Noah, Seite 56f)

Homepage zum Buch: Deutschland Schwarz Weiß