Freitag, 11. Mai 2012

Land-Grabbing

 Aktueller Artikel auf derStandard.at

Land-Grabbing: Wer sich wo wie viel Land greift

Sie kaufen riesige Flächen Land zu Spottpreisen in hungergeplagten Ländern. Statt dort Lebensmittel zu produzieren, bauen sie Ölpflanzen an, um sie zu exportieren und daraus Biosprit zu machen, verbrauchen das ohnehin wertvolle Wasser und machen damit fette Gewinne: So oder noch schlimmer werden die sogenannten Land-Grabber gern dargestellt. Doch stimmt das auch?

Nach dem weltweiten Lebensmittepreisanstieg 2007 ist die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Flächen in Entwicklungsländern stark gestiegen. Doch trotz zahlreicher Berichte über das Phänomen waren bisher wenige gesammelte, verlässliche Daten dazu verfügbar. Wissenschafter und NGOs mehrerer Länder haben das nun geändert.
Sie haben mehr als 1200 Verkäufe von insgesamt 83 Millionen Hektar Land weltweit gesammelt - 1,7 Prozent der weltweiten Agrarfläche und mehr als doppelt so groß wie Deutschland -, ausgewertet und die Ergebnisse in der Datenbank "Land Matrix" online zugänglich gemacht. Ihr Schluss: Viele der Vorwürfe gegen Land-Grabbing sind berechtigt.
Nur Bruchteil des gekauften Landes wird genutzt
So verkaufen Regierungen etwa oft Flächen, die gar nicht brach liegen, sondern bereits von Kleinbauern genutzt werden, was unweigerlich zu Konflikten führt. Gleichzeitig wird nur ein Bruchteil des gekauften Landes auch tatsächlich von den Investoren genutzt: 27 Prozent der erworbenen Fläche wurden nach dem Deal auch bearbeitet.
Wenn Betroffene entschädigt werden, bekommen sie äußerst geringe Summen. In manchen Fällen wurden Pachtverträge abgeschlossen, bei denen die Pächter gerade fünf Cent pro Jahr und Hektar bezahlen. Auch sonst seien Vorteile für die lokale Bevölkerung selten zu finden, schreiben die Studienautoren.
Größter Käufer Indien
Das beliebteste Ziel ist Afrika: Hier wurden laut Untersuchung insgesamt 56,2 Millionen Hektar Land verkauft, was etwa der Fläche Kenias entspricht. Die meisten Investoren, von denen man sicher weiß, kommen aus China, den USA, Malaysia und Großbritannien, die größten einzelnen Käufer sind der indische Staat (4,8 Millionen Hektar) und die chinesische Telekommunikationsfirma ZTE International (2,8 Millionen Hektar).
Angebaut werden auf den Flächen etwa zu einem Drittel Lebensmittel, der Rest entfällt auf Nutzpflanzen, etwa Gummiplantagen, oder Pflanzen, die sowohl gegessen als auch etwa zu Sprit verarbeitet werden können. Die Erträge des Anbaus werden fast immer exportiert, meist in jene Länder, aus denen die Investoren kommen.
Höhepunkt 2009
Aufgenommen in die Datenbank wurden nur Deals seit dem Jahr 2000, bei denen mehr als 200 Hektar Land, die nicht in Privatbesitz waren, für kommerzielle Nutzung an ausländische Investoren verkauft wurden. Besonders betroffen sind sehr arme Länder wie Äthiopien oder der Sudan. 66 Prozent der Deals betrafen Staaten, die anfällig sind für Lebensmittelknappheit. Einen Höhepunkt erreichten die Verkäufe 2009, seither sind sie zurückgegangen. Dass das Phänomen verschwinden wird, glauben die Wissenschafter nicht: Weil in vielen Gegenden Wasser oder Energie immer knapper werden, wird es für die betroffenen Länder auch langfristig attraktiv sein, ihre Landwirtschaft auszulagern.
Auch Österreich ist in der Datenbank vertreten: Das Unternehmen Petropalm Corp kaufte laut Land Matrix in Äthiopien 50.000 Hektar (eine Fläche, etwas größer als Wien), um Ölpflanzen anzubauen. Und MCB Agricole erstand in der Ukraine mehr als 91.000 Hektar für den Anbau von Mais, Raps und Weizen.
(Tobias Müller, DER STANDARD, 11.5.2012)

Download des Reports


Land Matrix
10% of investors account for

79% of the acquired land

48% of the land acquired is in Africa


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