Freitag, 27. Januar 2012

Sans-Papiers-Bewegung

Ausschnitte aus dem Interview mit der senegalesischen Aktivistin Madjiguène Cissé auf derStandard.at:

derStandard.at: In Paris waren Sie der Kopf einer riesigen Protestbewegung von Zugewanderten. Prominente SozialdemokratInnen kämpften 1996 Seite an Seite mit Ihnen, ein Jahr später kamen sie an die Macht. Was änderte sich dadurch für Sie?

Madjiguène Cissé: Viel. Wissen Sie, wenn man an der Macht ist, reagiert man anders. Die Linke hat ein Jahr lang mit uns demonstriert, und plötzlich war die Linke an der Macht, und ab diesem Moment hatte sie eine ganz andere Beziehung zu uns. Sie fanden unsere Forderungen plötzlich "zu extrem" - obwohl die Forderungen dieselben waren wie am Anfang. Deswegen haben wir weiter mobilisieren müssen, um für die Leute Papiere zu bekommen.

(Foto: derStandard.at/mas)

(...)

derStandard.at: Sie selbst wurden nicht legalisiert. Warum nicht?

Cissé: Wenn man keine Sans-Papier ist, dann kann man auch nicht die Bewegung der Sans-Papiers führen - das ist meine Meinung. Aber die Polizei hat versucht, mich zu erpressen. Sie haben Leute zu mir geschickt, die gesagt haben: "Madjiguène, es hängt allein von dir ab. Wenn du heute mit dieser Bewegung aufhörst, dann geben wir dir nicht nur die Aufenthaltskarte, sondern sogar die französische Staatsbürgerschaft!" Aber ich habe immer abgelehnt. Ich habe gesagt, ich brauche keinen französischen Pass. Denn bei meinem Kampf geht es darum, dass Afrika sich vereint, und wenn ich einen einzigen Pass für ganz Afrika habe, dann war mein Kampf erfolgreich.

(...)

derStandard.at: Warum soll sich Afrika vereinen?

Cissé: Europa braucht Afrika als Absatzmarkt. Zögen wir Mauern auf, dann würde Europa zugrunde gehen - dessen müssen wir uns bewusst sein. Europa braucht uns mehr, als wir Europa brauchen. Also sollten wir mit einer Stimme sprechen.

derStandard.at: Europa schottet sich ab, Sie hingegen sind Vertreterin der offenen Grenzen.

Cissé: Ja, es ist wichtig, dass die Menschen sich frei bewegen können - auch innerhalb von Afrika. Wenn unsere Frauen Farbstoffe in Mali kaufen und damit in den Senegal fahren, dann haben sie jede Menge Probleme an den Grenzen - mit den Polizisten, dem Zoll und so weiter. Das alles muss weg. Und dasselbe gilt für die Kontinente. Man muss doch in einen anderen Kontinent reisen können, um dort etwas zu lernen und das neue Wissen zurückbringen zu können. Nur so lässt sich eine Welt aufbauen. Europa wäre nicht dort, wo es heute steht, wenn die Europäer diese Möglichkeit nicht gehabt hätten.

derStandard.at: Wie viele Menschen kämen aus Afrika nach Europa, würde man die Grenzen heute öffnen?

Cissé: Die kämen nach Europa, direkt nach Wien bei minus 14 Grad - und würden direkt wieder nach Hause fahren und sagen: "Ich komme im Sommer wieder!" (lacht) Scherz beiseite: Adam und Eva hatten damals im Paradies ein großes Problem, und zwar die verbotene Frucht. Wenn etwas verboten ist, strebt der Mensch immer genau danach. Anders gesagt: Wären die Grenzen offen - es würde keine Invasion geben.

(Maria Sterkl, derStandard.at, 27.1.2012)


Link Refdaf
"Papiere für alle" - Buch von Madjiguène Cissè

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