Dienstag, 12. Juli 2011

Unsere (un)stillbare Sucht nach Salzigem

Appetit auf Salz aktivert Gen-Muster wie bei Drogen - Salz könnte weniger krank machen als gedacht

Empfohlen werden von der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht mehr als fünf Gramm pro Tag. Doch die meisten Bewohner der westlichen Welt nehmen mehr als die doppelte Menge an Natriumchlorid, vulgo Salz, zu sich. Das ist schlecht, denn zu viel NaCl führt zu einem erhöhten Risiko für Herzkreislauferkrankungen, heißt es in der gängigen Fachliteratur.

Salz kann im Extremfall sogar tödlich sein: Ab einem Gramm pro Kilogramm Körpergewicht gerät der Wasserhaushalt so sehr durcheinander, dass es zu einem tödlichen Schock kommen kann. Es ist allerdings nicht ganz leicht, so viel Salz zu essen: Im Normalfall wird der Ekel zu groß, oder man erbricht das Salz vorher.

Nach geringen Mengen Salz scheinen nicht nur wir, sondern viele Tiere buchstäblich süchtig zu sein, wie ein US-australisches Forscherteam um Wolfgang Liedtke (Duke University) bei Untersuchungen an Mäusen und Ratten herausgefunden hat. Die Wissenschafter konnten nämlich klären, wie bestimmte Gene in jenem Teil des Gehirns reguliert werden, das für ein Gleichgewicht von Salz, Wasser, Energie und anderen Dingen sorgt.

Der instinktive Appetit auf Salz führt zur Aktivierung eines spezifischen Gen-Musters. Und dieses wiederum ist identisch mit jenem, das durch Kokain oder Opiate (also etwa Heroin) aktiviert wird. Liedtke und seine Kollegen folgern im Fachblatt "PNAS", dass diese Erkenntnis weitreichende medizinische Implikationen haben könnte und zu neuen Gegenmaßnahmen gegen Süchte ganz generell und dem wohl doch nur erlernten Verlangen nach salzigen Dickmachern führen könnte.

Absoluter Spitzenreiter bei den Lebensmitteln, die nachweislich zur Verfettung führen, sind übrigens Kartoffelchips, wie Mediziner der Harvard University kürzlich in einer Langzeitstudie im "New England Journal of Medicine" herausfanden.

Weniger gefährlich könnte indes der Salzkonsum selbst sein: Eine Metastudie im "American Journal of Hypertension" kam nämlich nach Analysen von sieben Untersuchungen zum Ergebnis, dass der behauptete Zusammenhang von hohem Salzkonsum und einem erhöhten Risiko für Herzkreislaufkrankheiten nicht stimme. Die Forscher sind sich mit ihren Kritikern indes einig, dass weitere Studien nötig sind.

(tasch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. Juli 2011)

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Links zu den genannten Studien auch auf www.derstandard.at

Sunnivah_

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