Montag, 9. Mai 2011

Nato ließ dutzende Bootsflüchtlinge auf offenem Meer verdursten

Nach einem Bericht des "Guardian" – Einsatzkräfte sollen trotz Kontakt mit Boot Flüchtlinge ignoriert haben

Wie der Guardian berichtet, sollen Einsatzkräfte der Nato im März und April ein steuerloses Boot mit 72 Flüchtlingen auf offener See ihrem Schicksal überlassen haben. Zwar lösten die italienische Küstenwache und Flug- bzw. Marine-Einheiten der Nato Alarm aus, nachdem sie Funkkontakt mit dem Boot aufgenommen hatten, auf Rettung warteten die Insassen aber vergeblich. Bis auf zehn Flüchtlinge verhungerten oder verdursteten alle Menschen an Bord.

Das Boot legte am 25. März in der libyschen Hauptstadt Tripolis ab, der Kapitän verlor jedoch nach etwa 18 Stunden den Kurs auf die angesteuerte italienische Insel Lampedusa. Anfangs suchten die Flüchtlinge noch per Satellitentelefon Hilfe bei einem Priester in Rom, der die Notlage auch an die Behörden weiterleitete. Die Hilfe erschien in Form eines Nato-Hubschraubers, der Trinkwasser und Essensrationen abseilte und die Besatzung anwies, ihre Position zu halten, bis weitere Hilfe eintrifft.

Zwei Wochen auf hoher See

Diese blieb jedoch bis auf zwei Militärflieger, die das Boot in geringer Höhe überflogen, aus; nachdem der Treibstoffvorrat zur Neige gegangen war, trieb das Boot ohne Steuermöglichkeit zwei Wochen lang auf dem offenen Mittelmeer. Als es am 10. April nahe der libyschen Stadt Zlitan angeschwemmt wurde, waren noch 11 der ursprünglich 72 Insassen am Leben. Ein weiterer starb unmittelbar nach der Ankunft.

Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge stammte aus Äthiopien, zwanzig weibliche Insassen und zwei Kleinkinder waren an Bord. Nato-Sprecherin Carmen Romero sagte zu dem Fall: "Wir sehen uns die Behauptungen des Guardian genau an und können hoffentlich bald Näheres sagen. Alle Nato-Kräfte sind sich voll und ganz bewusst, welche Verantwortung sie gegenüber der Sicherheit von Menschenleben auf hoher See haben."

(red, derStandard.at, 9.5.2011)

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