Dienstag, 28. September 2010

KonsumentInnendemokratie?

"An dieser Stelle sei vor einem verbreiteten Irrglauben gewarnt, nämlich dass die KonsumentInnen eine bessere Welt über den Konsum herbeikaufen könnten. Das Problematische an diesem Ansatz ist, dass er zum einen goldrichtig ist, zum anderen ein gefährliches Ablenkungsmanöver.

Zunächst ist es absolut wichtig und gut, bewusst und kritisch zu leben und zu konsumieren: langlebige Gebrauchsgüter zu bevorzugen, biologische Nahrungsmittel aus Nahversorgung zu beziehen; auf Ökostrom und öffentlichen Verkehr umzusteigen, auf Autobesitz und Kurzurlaub per Flugzeug zu verzichten und fairen Handel zu fördern.
Gleichzeitig darf aber nicht übersehen werden, dass die "Demokratie via Kaufentscheidung" nur am Ende des politischen und wirtschaftlichen Prozesses stattfindet. Was vor dem Einkauf passiert, wird anderen Interessensgruppen zur Entscheidung überlassen. Bevor die Ware in das Regal kommt, entscheiden Gesetze darüber, welche Waren überhaupt in die Regale kommen und zu welchem Preis: ob gentechnisch verändertes Essen hineinkommt, ob biologische Produkte teurer sind als umweltverschmutzende, ob Fair-Trade-Kaffee teurer oder billiger ist als Pestizid-Kinderarbeit-Kaffee, ob Ökostrom billiger oder teurer ist als Atomstrom, ob die öffentliche Rentenversicherung meinen Lebensstandard absichert oder ich gezwungen bin, privat vorzusorgen, ob Aktienfonds steuerlich oder mit Prämien gefördert werden oder nicht. Das Supermarktregal ist nur die letzte Station demokratischer Entscheidungsprozesse.

Hinzu kommt: Am Supermarktregal entscheiden nicht Menschen, sondern ihre Kaufkraft: Wer ein dickes Geldbörsl hat, hält auch mehr "Stimmrecht": Plutokratie. Wer sich nicht für eine gerechte Verteilung oder für wirksame Umweltgesetze einsetzt, darf sich dann nicht wundern, dass sie oder er nicht über die nötige Kaufkraft verfügt, um sich teureren Ökostrom, Bio-Kost und Fair-Trade zu leisten. Wenn kein öffentliches Verkehrsmittel mehr fährt, hat der/die "KonsumentIn" gar keine Wahl.

Ein dritter Grund: Nicht alle Konzernaktivitäten sind boykottierbar. Was mache ich, wenn ein kanadischer Kupferkonzern in Zentralafrika die Lebensräume indigener Bevölkerung zerstört. Soll ich meinen Elektroinstallateur boykottieren?
Viertens: KonsumentInnen fehlen in vielen Fällen die für eine bewusste Kaufentscheidung nötige Information. So sind heute selbst in der EU Milchprodukte, Eier und Fleisch von Tieren, die mit Gentechnik-Futter gemästet wurden, nicht gekennzeichnet. In der WTO machen einige Länder, allen voran die USA, mächtig Druck, auch die bestehenden Gentechnik-Kennzeichnungen zu verbieten.

Aus diesen Gründen ist es zwar goldrichtig, kritisch und bewusst zu konsumieren, aber mindestens genauso wichtig ist es, sich für gerechte Gesetze und Spielregeln einzusetzen. Die Konzerne verwenden sehr viel Energie auf Beeinflussung der Gesetze und Gestaltung der Spielregeln. Die StaatsbürgerInnen wären dumm, nur das relativ schwache Instrument "Konsum" zu nützen und auf das viel stärkere Instrument "Gesetz" zu verzichten.

Fair Trade ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass freiwilliges bewusstes Konsumverhalten einen wertvollen ersten Schritt in eine gerechtere Welt darstellen kann. Im zweiten Schritt muss es darum gehen, Fair Trade zum Standard zu machen."

(Auszug aus dem Buch "50 Vorschläge für eine gerechtere Welt - Gegen Konzernmacht und Kapitalismus" von Christian Felber, S. 182f)


Dem ist nichts hinzuzufügen,
alles Liebe,
Suninvah_

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen